Deutschland gilt in Europa seit Langem als Referenz für die systematische Verknüpfung von Bildung und Arbeitsmarkt. Die Struktur und das Verständnis von Kompetenzentwicklung werden wesentlich durch das duale Ausbildungssystem sowie die umfangreiche berufliche Weiterbildung geprägt. Dieses Modell beeinflusst, wie lebenslanges Lernen bewertet und umgesetzt wird. Die Beteiligungszahlen stützen diese Einschätzung. Laut dem Bildungs- und Ausbildungsmonitor 2025 der Europäischen Kommission lag die Teilnahmequote der Erwachsenen in Deutschland im Jahr 2022 bei 53,7 %.
Damit liegt Deutschland deutlich über dem EU-Durchschnitt von rund 39,5 %. Die Ausweitung der Beteiligung bleibt dennoch ein zentrales politisches Ziel. Bis 2030 soll auf nationaler Ebene eine Quote von 65 % erreicht werden. Gleichzeitig orientiert sich Deutschland an der europäischen Zielmarke von 60 %. Eine differenzierte Betrachtung zeigt jedoch deutliche Unterschiede nach Bildungsniveau. Erwachsene mit tertiärem Abschluss erreichen eine Teilnahmequote von über 71,5 %. Bei Personen mit niedrigeren formalen Qualifikationen liegt sie hingegen bei nur etwa 30 %.
Derartige Ungleichverteilungen bilden den Kernpunkt der politischen Debatte. Sie betreffen sowohl bestehende Zugangsbarrieren als auch die inhaltliche und strukturelle Ausgestaltung von Weiterbildungsangeboten. Zusätzlich wird die Fragestellung in den Fokus gerückt, wie Bildungsformate effizienter auf unterschiedliche Erwerbsbiografien abgestimmt werden können.
Vor diesem Hintergrund werden professionelle Veranstaltungen und große Kongresse zunehmend aus einer erweiterten Perspektive betrachtet. In Deutschland ist Weiterbildung fest als wirtschaftliche Säule und als politische Priorität verankert. Entsprechend werden Kongresse heute immer häufiger nicht nur als Orte des Netzwerkens gesehen. Sie bieten auch Räume, in denen strukturierter Wissensaustausch und Lernen unter Gleichgestellten bestehende Bildungs- und Weiterbildungswege sinnvoll ergänzen können.
Warum das jetzt relevant ist
Diese Neubewertung fällt mit einer wichtigen politischen Weichenstellung auf EU-Ebene zusammen. Im September 2025 stellte die Europäische Kommission ihre EU-Strategie zur finanziellen Bildung vor. Ziel der Strategie ist es, das Finanzbewusstsein zu stärken. Dazu gehören Budgetierungskompetenzen, das Verständnis finanzieller Risiken, die Prävention von Betrug sowie die Förderung finanzieller Inklusion in den Mitgliedstaaten.
Die Strategie hebt ausdrücklich die Bedeutung nicht-formaler und peer-basierter Lernformate hervor. Ebenso betont sie EU-weite Sensibilisierungskampagnen und eine stärkere Koordinierung mit nationalen Behörden.
Die Strategie reagiert auf anhaltend niedrige Niveaus finanzieller Kompetenz in Europa. Weniger als 20 % der EU-Bürgerinnen und -Bürger gelten laut Hintergrundmaterialien der Kommission, die die Initiative begleiten, als hochgradig finanziell gebildet.
Die Initiative spiegelt die wachsende Erkenntnis wider, dass formale Bildung allein nicht mit den schnellen Veränderungen in der digitalen Finanzwelt Schritt halten kann. Das gilt auch für die Arbeitsmärkte und die Risikobelastung von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Lernen findet zunehmend in unterschiedlichen Umgebungen statt, am Arbeitsplatz, auf digitalen Plattformen, in professionellen Foren und in geschlossenen Branchentreffen, jeweils mit eigenen Stärken und Grenzen.
Vor diesem Hintergrund stehen wichtige Kongresse, die historisch vor allem wegen ihrer Sichtbarkeit und Abschlussmöglichkeiten geschätzt wurden, unter steigenden Erwartungen von politischen Entscheidungsträgern und Veranstaltungsorten gleichermaßen. Die zentrale Frage lautet, ob solche Veranstaltungen überprüfbare Lernergebnisse liefern, Kompetenzen stärken und zur langfristigen Resilienz beitragen können, statt lediglich Marketingnarrative zu verstärken.
Vom Netzwerken zum strukturierten Wissensaustausch
Kongresse als Lernplattformen
Die wissenschaftliche Forschung zu beruflichen und verbandsgetragenen Kongressen zeigt, dass Bildung und Wissenstransfer längst keine Randfunktionen mehr sind. Studien zum Design von Kongressen belegen, dass Veranstalter zunehmend Seminare, Workshops und strukturierte Diskussionsformate neben Plenarveranstaltungen integrieren. Damit werden Kongresse gezielt als Umgebungen für berufliche Weiterentwicklung positioniert und nicht mehr nur als Marktplätze für Ideen.
Auch Fachmessen und Branchentreffen spielen eine Rolle für organisationales Lernen. Empirische Studien zeigen, dass die Intensität der Netzwerkaktivitäten mit dem Erwerb von Informationen und explorativem Lernen in Verbindung steht, insbesondere bei neueren oder kleineren Teilnehmenden.
Gleichzeitig stellt die Messbarkeit des Lernens auf Kongressen eine zentrale Herausforderung dar. Im Unterschied zu formalen Bildungsabschlüssen erfolgt Wissenserwerb hier häufig implizit, ist ungleich verteilt und nur schwer standardisierbar. Diese Problematik wird auch in den methodischen Diskussionen der Europäischen Union zur Erwachsenenbildung immer wieder thematisiert.
Politische Impulsgeber: EU- und europäische Perspektiven
Die Agenda der EU zur Erwachsenenbildung bewegt sich zwischen hohen Zielvorgaben und strukturellen Einschränkungen. Deutschland sowie mehrere nordeuropäische Länder liegen bereits über dem EU-Durchschnitt. Dennoch bleibt die Beteiligung insgesamt ungleich verteilt. Sie variiert deutlich nach Region, Einkommenslage und Bildungsbiografie.
Berufliche Kongresse und Fachforen werden zunehmend als ergänzende Lernformate diskutiert. Das trifft insbesondere auf Fachkräfte in der mittleren Karrierephase und Selbstständige zu, die traditionelle Bildungsanbieter häufig nicht in Anspruch nehmen. Ihr Mehrwert zeigt sich weniger in formalen Qualifikationen als vielmehr in Zugänglichkeit, Praxisorientierung und dem Austausch unter Gleichgesinnten.
Europäische Aufsichtsbehörden für Wertpapiere und Verbraucherschutzorganisationen haben über einen ausgedehnten Zeitraum die Relevanz von Bildung als langfristige Unterstützung der Risikoprävention hervorgehoben. Internationale Studien belegen, dass informierte Teilnehmende eine gesteigerte Fähigkeit besitzen, Betrug zu identifizieren, Risiken zu bewerten und sich in zunehmend komplexen Produktlandschaften zurechtzufinden.
Die deutsche Sichtweise: Regulierung, Unternehmen und lebenslanges Lernen
Deutschland wird seit geraumer Zeit als Referenzjurisdiktion in Europa angesehen, insbesondere in den Bereichen der Finanzaufsicht, der beruflichen Bildung und der professionellen Weiterbildung. In der Praxis werden hier regulatorische und institutionelle Standards erprobt und weiterentwickelt, vor allem dort, wo Marktintegrität, Verbraucherschutz und Lernen ineinandergreifen.
Übergreifend zählen Deutschland und die EU zu den aktivsten Rechtsräumen bei der Integration von Bildungs- und Verbraucherschutzzielen in die Marktordnung. Dies reicht von verbindlichen Zielvorgaben zur Beteiligung an der Erwachsenenbildung bis hin zu koordinierten Initiativen im Bereich der finanziellen Bildung. Deutsche Aufsichtsbehörden betonen zunehmend die Qualität und Verständlichkeit von Informationen als zentrale Elemente des Verbraucherschutzes. Die öffentliche Bildungsarbeit der BaFin umfasst Broschüren, Videos und die Beteiligung an Veranstaltungen zur finanziellen Bildung wie den Börsentagen. Diese Aktivitäten spiegeln einen breiteren Wandel wider, der darauf abzielt, Einzelpersonen zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen.
Ein Beispiel innerhalb des weiteren Ökosystems
Unter den mehreren bildungsorientierten Gemeinschaften, die in Europa aktiv sind, wird von Beobachtern unter anderem BE (BE Club) als Beispiel genannt. Die Veranstaltungen dieses Netzwerks positionieren sich als strukturierte, bildungsorientierte Diskussionsforen in geschlossenen, professionellen Rahmen und nicht als kommerzielle oder vertriebsorientierte Veranstaltungen. Solche Formate veranschaulichen das wachsende Interesse an strukturiertem Austausch und Lernen unter Gleichgestellten, das über rein transaktionales Netzwerken hinausgeht.
Worauf in den nächsten 12 Monaten zu achten ist
- Zielwerte der Erwachsenenbildung: Fortschritte auf dem Weg zu Deutschlands nationalem Ziel von 65 % sowie zum EU-Ziel von 60 % Beteiligung bis 2030
- Umsetzung der finanziellen Bildung: Einführung der EU-Strategie zur finanziellen Bildung in den Mitgliedstaaten
https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/policies/consumers/consumer-education_en - Qualitätsstandards: Entstehende Rahmenwerke zur Bewertung von Lernergebnissen bei professionellen Veranstaltungen
- Koordinierung des Verbraucherschutzes: Zunehmende Prüfung von Bildungs- und Lernversprechen in professionellen und kommerziellen Kontexten
Großveranstaltungen in Europa werden schrittweise neu eingeordnet, weg von reinen Netzwerkplattformen hin zu Foren für strukturiertes Lernen und Wissensaustausch. Diese Entwicklung steht im Einklang mit Deutschlands langjährigem Fokus auf Standards, berufliche Kompetenz und informierte Teilhabe sowie mit den umfassenderen EU-Bemühungen zur Stärkung finanzieller Bildung und des Verbraucherschutzes. Es bestehen weiterhin Herausforderungen, insbesondere bei Messbarkeit und Inklusion. Dennoch deutet das Zusammenwirken politischer Prioritäten und professioneller Praxis darauf hin, dass Kongresse eine wachsende, wenn auch klar begrenzte Rolle im europäischen Ökosystem des lebenslangen Lernens einnehmen werden.
Dieser Artikel stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar.

